Vielleicht habt Ihr Anfang des Jahres in unserem Schulhaus einige Schüler im Rollstuhl durch das Schulhaus fahren gesehen, die sonst putzmunter durch die Gänge rennen. Auch einige "Blinde" konnte man beobachten, die sich vorsichtig die Gänge entlang tasteten, begleitet durch ein(en) Begleiter(in), der/die aufpasste, dass dem Blinde nichts zustößt. Wenn Ihr Euch gefragt haben solltet, was das alles sollte: Es waren (wie schon im vergangenen Jahr) Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse, die an einem Projekt im Fach Evang. Religion bei Herrn Dr. Meißner teilnahmen. Ziel des Projekts war es, sich einmal in die Lage von Behinderten zu versetzen, einmal 45 Minuten mit Hindernissen zu kämpfen, die andere ein Leben lang zu überwinden haben. Als Abschluss fertigten die Schüler kleine Berichte an, aus denen Ihr hier einige Kostproben lesen könnt:

Es gibt sehr viele Stellen die für einen Rollstuhlfahrer ein Hindernis sind.
Ein normaler Mensch sieht an solchen Orten keine Hindernisse. Ein Hindernis
ist schon ein niedriger Absatz. Im Rollstuhl kann man nicht einfach die Räder
heben wie die Füße, man muss den Rollstuhl vorne anheben, so dass die Forderräder
über dem Boden sind. Dann kann man die Räder über den Absatz setzen. Nun muss
dann mit Schwung über den Absatz fahren. Für einen Anfänger ist das Lenken sehr
schwierig. Wenn man nach rechts fahren will, muss auf der rechten Seite weniger
stark das Rad gedreht werden, umso mehr wird auf der anderen Seite gedreht.
In vielen Schulen gibt es meist nur schlechte oder gar keine Behinderten Toilette.
Es ist nicht leicht sich, mit einer Hand am Griff und mit der anderen am Rollstuhl
zu heben und dabei sich auf das Klo zu setzen. Bei uns gibt es eine Binhindertentoilette
im Flur, wo sich die Chemie-Säle befinden. Der Weg zum Bus ist ziemlich schwierig,
denn es ist ein längeres steiles Stück dabei. Man benötigt viel Kraft in den
Armen, um dieses Stück hochzufahren. Das Benützen von Fahrstühlen ist hingegen
einfach - vorausgesetzt es gibt genügend Platz zum Wenden. Es gibt allerdings
Fahrstühle, deren Knöpfe für die Etagen hoch sind und kleine Leute kommen da
schlecht dran. Das Aufziehen von schweren Türen oder von Türen, die sich selbst
schließen muss man gut üben. Es ist auch nicht einfach, in einem Klassenzimmer
auf einen Platz zu fahren, wenn die Tische so dicht beieinander stehen.
Michael Koch, 7d/2004

Schüler der Klasse 7d auf ihrer Erkundung des Schulhauses
Als uns unser Religionslehrer Herr Meißner sagte, dass wir ausprobieren
können wie schwierig es ist im Rollstuhl in unserer Schule zu fahren, meldete
ich mich sofort, weil es bei uns mindestens einen Rollstuhlfahrer gibt und ich
sehen wollte wie schwierig es wirklich ist. Ich wurde auch dran genommen und
durfte mit. Als erstes kam Lisa dran. Bei ihr sah alles so einfach aus. Sie
fuhr am Schluss mit dem Fahrstuhl nach oben. Danach war ich an der Reihe und
setze mich in den Rollstuhl. Und schon war da das erste Problem: Der Fahrstuhl.
Als erstes musste man den Schlüssel in ein dafür vorgesehenes Schlüsselloch
stecken und herumdrehen. Dann musste man schnell in den Fahrstuhl herein und
sich herumdrehen. In unserem Fahrstuhl war kaum Platz zum Herumdrehen. Herumdrehen
heißt mit der rechten Hand das rechte Rad festhalten und mit der linken
Hand das linke Rad drehen oder andersherum. Mit noch drei Personen im Fahrstuhl
war noch weniger Platz. Dann drückte ich auf einen Knopf und fuhr nach
unten. Unten angekommen fuhr ich heraus und zur Tür. Ich versuchte die
Tür auf zustoßen und gleichzeitig zu rollen. Es klappte erst beim
zweiten Versuch. Draußen fuhr ich ein bisschen herum. Leider hatten wir
keine Jacken mit, sonst wären wir auch zur Bushaltestelle. Als ich wieder
herein wollte, kam das nächste Problem: Die Türschwelle. Beim Herausfahren
wird man durch diese Schwelle schneller. Beim Hereinfahren wird sie zu einem
Problem. Man muss die Tür aufziehen, sie aufhalten und gleichzeitig versuchen,
über die Schwelle zu kommen. Nach etlichen Versuchen bin ich aufgestanden
und habe den Rollstuhl einfach herüber gehoben. Das können die Behinderten
leider nicht. Nachdem Anne und Miriam auch dran gekommen waren, hatten wir noch
ein bisschen Zeit über. Also fuhren wir noch ein bisschen in einem Flur
herum. Wir merkten, dass auf dem linken Reifen weniger Luft drin war als auf
dem Rechten. Das führte dazu, das der Rollstuhl immer nach links ging. Das war
ganz schön nervig, den man musste immer dagegen lenken. Ich als Gesunder
habe eigentlich immer ein bisschen die Füße zum Lenken genommen.
Als Anne mich darauf aufmerksam machte, versuchte ich es, doch es war kaum möglich.
Zum Glück bin ich nicht behindert.
Lena Bröckmann, Klasse 7D/2005
Behinderte ohne Hände haben es im Leben sehr schwer. Stellen wir uns die Frage:
Wie nehmen sie etwas zu sich? Sie haben ja keine Hände. Aber es klappt. Es braucht
viel Übung und Geduld. Ich durfte es mal im Religionsunterricht in der Schule
ausprobieren. Das finde ich gar nicht so schlecht, weil man dabei sehen kann
wie es ist, wenn man keine Hände hat. Ich musste verschiedene Aufgaben lösen,
z.B. ein Blatt zerreißen und wieder zusammenlegen, Gegenstände weiterreichen
und mit dem Mund schreiben. Alleine kann man das nicht so richtig schaffen,
aber in der Klasse durften wir es immer zu Zweit machen. Wir mussten das Blatt
mit den Füßen in vier Teile zerreißen und wieder zusammenlegen. Ich finde, ein
Blatt zerreißen ist schwieriger als es wieder zusammenlegen. Dann sollten wir
ein Mäppchen weiterreichen. Ich habe es zwischen Kopf und Schulter gelegt und
es auch so weitergereicht. Das Schreiben mit dem Mund ist besonders schwierig.
Mit etwas Übung klappt das auch. Wenn man den Stift zwischen die Innenseite
des Ellenbogens klemmt, ist es meiner Meinung nach etwas einfacher.
Jutta Heller, Klasse 7d/2004
Ein Leben ohne Arme? Das ist für uns schlecht vorstellbar. Für die
meisten alltäglichen Dinge benutzen wir unsere Arme. Zum Beispiel zum Schreiben,
Malen, Turnen, Schwimmen, Essen, Trinken und vielem mehr. Unsere Gruppe machte
zum Thema ohne Arme ein paar Versuche. Unser erster Versuch: Ein Blatt in vier
Teile zerreißen, ohne Arme. Lukas legte das Blatt auf den Boden und stampfte
und zerrte mit den Füßen darauf herum. Es ging zwar irgendwann entzwei,
aber war dreckig und zerknittert. Da stellten es ich und Julia doch geschickter
an. Ich klemmte das Blatt zwischen beide Füße und hielt es in die
Luft Julia macht das Gleiche an der anderen Blattseite und dann zogen wir es
in entgegen gesetzten Richtungen.
Unser zweiter Versuch bestand darin ein Mäppchen weiterzureichen. Steffi
stellte das Mäppchen an die Tischkante und nahm es zwischen Kinn und Hals
geklemmt auf. Nun wurde das Mäppchen von Kinn zu Kinn durchgegeben. Dieser
Versuch sah ziemlich ulkig aus und weil wir uns ziemlich ungeschickt anstellten,
fiel es dauernd runter. Nach dem x-ten mal klappte es dann endlich.
Jetzt war malen an der Reihe. Die Filzstifte wurden in den Mund genommen und
mit den Zähnen festgehalten. Unsere Gruppe malte eine Wiese im Sonnenschein
mit Apfelbaum darauf. Na ja, als es fertig war, sah es aus wie ein Bild von einem
Kindergartenkind. Zu Schluss signierte ein Teil unserer Gruppe noch das Bild
auf der Rückseite. Kaum zu verwechseln mit der Hieroglyphenschrift...
Ich habe gemerkt, dass ein Leben ohne Arme wirklich schwierig ist und habe Respekt
vor denen, die das Leben ohne Hände meistern können.
Vera Strohmeier, 7d/2005

Gar nicht so einfach: Ein mit dem Mund gemaltes Bild
Es ist sehr schwer nichts zu sehen. Im Schulhaus hatte ich Schwierigkeiten
an der Treppe, denn ich wusste nicht wann sie anfängt und wann sie aufhört.
Manchmal ist es sehr schwer zu gehen, da man auch mal gegen einen Gegenstand
stößt. Ohne Begleiter oder Betreuer könnte ich es mir nicht vorstellen, da sie
dir doch noch ein bisschen helfen können. Die Betreuer können sagen, wo man
aufpassen muss. An dem Essengeruch meiner Schule konnte ich mich orientieren,
dass ich mich an der Tür zur Kantine befinde. Ich glaube, Blinde orientieren
sich oft nach einem Geruch oder einem Geräusch. Doch an den Geräuschen ist es
nicht immer leicht sich zu orientieren. Im Schulhaus war es zwar nicht sehr
laut, aber viele redeten gemeinsam und ich wusste jetzt doch nicht woher es
kam. Ich dachte alle Geräusche kommen auf mich zu. Wie ist es dann wohl im Straßenverkehr?
Ich will gar nicht daran denken. Noch mal zum Orientierungssinn: Zu Hause wüsste
ich wo ich mich befinde, in welchem Raum und wo alles steht, aber nur weil ich
es gewohnt bin und mir ein Bild von meinem Haus machen kann. Doch Blinde können
sich kein Bild machen. Sie wissen nicht, wie ein Telefon usw. aussieht. Aber
wie wird es wohl in einer fremden Wohnung sein? Ich glaube, ich wüsste nicht
mehr weiter. Blinde verständigen sich durch das Fingeralphabet oder durch die
Blindenschrift. Die Blindenschrift besteht aus Punkten. Um sie lesen zu können
muss man genau wissen wie viele Punkte es gibt und wo sie stehen.
Carolin Hoffmann, 7d/2004