Wer ist eigentlich ...

  

Prof. Alfred Grosser ?

 

Eine Vorstellung in Selbstaussagen zusammengestellt von Rainer Ehrhardt

 

 

Eine gängige Vorstellung Alfred Grossers in einem seiner Werke lautet zum Beispiel so:

 

"Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt am Main geboren und ist seit 1937 Franzose. Er lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor am Institut d'Études Politiques in Paris. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter zuletzt bei C.H. Beck Wie anders sind die Deutschen? (22002).

Alfred Grosser ist Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels und vieler weiterer Ehrungen und Auszeichnungen.“

 

Eine Vorstellung ganz besonderer Art findet sich in der Festschrift des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zur Verleihung des Friedenspreises 1975. Der Vorsteher des Börsenvereins Rolf Keller:

 

Alfred Grosser

 

Berufen zum Mittler, entschlossen, für den Frieden zu wirken und zu streiten, ein Sucher nach der Ethik und der Wahrheit, durchdrungen von der Notwendigkeit des nie abreißenden Dialogs zwischen Franzosen und Deutschen, zwischen Gläubigen und Ungläubigen, zwischen Europäern und den Menschen anderer Kontinente, wurde er zum überzeugenden, unbestechlichen Mahner.

 

Im Folgenden haben wir Textpassagen aus einigen seiner Bücher zusammengestellt, in denen Alfred Grosser sich selbst vorstellt, seine Biographie, seine Selbsteinschätzung, seine Überzeugungen.

 

 

1989

 

Die Privilegien, derer ich mich erfreuen kann, seien nur kurz erwähnt. Dank der Mutter, die ich hatte, dank der Frau, die ich gefunden habe, dank unserer vier Söhne und dank des in jeder Hinsicht privilegierten Berufs als Universitätsprofessor (in einer ihrerseits privilegierten Institution) war mir ein be- ständiges Gleichgewicht gewährt, ohne das ich möglicherweise andere Einstellungen hätte und weniger gelassen wäre.

Was ich als die für mich glücklichen Umstände bezeichnen möchte, verdient genauere Darstellung. Mein Temperament oder, wenn man dieses Wort vorzieht, mein Charakter. Wäre er anders ausgefallen, hätten mich die Schläge, die ich 1933 auf einem Frankfurter Schulhof einstecken mußte, für mein ganzes Leben gezeichnet: Ein achtjähriger Junge wird ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem seine Schulkameraden ihn verprügelt hatten, nur weil man ihnen gesagt hat, daß er als Jude nicht zu ihnen gehöre. Das Ereignis hat keine Spuren in mir hinterlassen. Und wenn ich, meiner älteren Schwester gleich - deren kurzes Le- ben 1941 als Folge der Flucht vor der Wehrmacht ein Ende fand -, pessimistisch und introvertiert wäre, dann hätte ich unter der Verpflanzung im Dezember 1933 und der Ankunft in einem unbekannten Frank- reich, dessen Sprache ich nicht verstand, sicher gelitten. Von Anfang an jedoch war ich hier glücklich - trotz des Todes meines Vaters, sechs Wochen nachdem wir uns in St. Germain en Laye niedergelassen hatten.

Mein Temperament hätte jedoch härtere Prüfungen bestehen müssen, wären die Lehrerinnen der städti- schen Schule nicht so überaus bewunderungswürdig gewesen und wäre die Eingliederung ganz allge- mein nicht durch eine Vielzahl positiver Erfahrungen erleichtert worden. Da gab es zum Beispiel einen Elektriker: Er kam zu meiner Mutter und sagte: „Ihr Mann hat eine große Rechnung zurückgelassen [er war Kinderarzt gewesen und wollte ein Sanatorium einrichten], aber er war Kriegsveteran wie ich. Zwar nicht auf derselben Seite, aber Veteran ist Veteran. Sie bezahlen halt, wenn Sie können.“ Oder gar die Anführerin meiner Wölflingsschar bei den evangelischen Pfadfindern von St. Germain. Ich war der Anfüh- rer der Meute gewesen, die den Meutenwettkampf gewonnen hatte. Mir fiel deshalb die Ehre zu, beim Aufmarsch zum 11. November vor dem Totendenkmal den Totem zu tragen. „Akéla, ich werde Franzose, aber ich bins noch nicht. Steht es mir wirklich zu, an der Spitze zu gehen?“ - "Am 11. November feiern wir nicht den Sieg, sondern den wiedergewonnenen Frieden. Ein glücklicher Zufall also, daß gerade du vorne gehst.“ Wäre ihre Antwort anders ausgefallen, hätte ich mich vielleicht auch anders entwickelt. Die Ein- gliederung war schon nahezu vollkommen, als uns am 1. Oktober 1937 ein entscheidender Glücksum- stand zuteil wurde: Durch eine Verordnung des Justizministers Vincent Auriol wurde Frau Lily Rosenthal, Witwe von Paul Grosser, und ihren beiden minderjährigen Kindern die französische Staatsbürgerschaft verliehen, was uns vor allem davor bewahrte, von der Regierung Daladier im September 1939 wie die anderen von Hitler verfolgten Deutschen als „Feinde“ in französische Lager interniert zu werden.

Während des Exils in St. Raphael – zunächst sogenannte freie Zone, dann unter italienischer Besatzung – hatten wir nicht wirklich zu leiden. Der Untergrund wäre hingegen ganz anders gewesen, wenn ich nicht im September 1943 in Grenoble den Verbindungsmann verfehlt hätte, der mich ins Maquis führen sollte: Entweder wäre ich im Vercors umgekommen, oder ich hätte mit dem Bild von einem barbarischen Massa- ker in der Erinnerung überlebt. ...

 

Alfred Grosser: Verbrechen und Erinnerung. Der Genozid im Gedächtnis der Völker. München (dtv) 1993. S.8f. 

 

 

1973

 

Es trifft sich nun, dass der Autor des vorliegenden Buches eben kein Spezialist der Philosophie, der Wissenschaftstheorie ist. Er ist ein Praktiker der politischen Analyse, der noch nicht einmal mit Sicherheit zu sagen weiß, ob seine Forschungen wirklich auf einer Wissenschaft von der Politik beruhen. Aber Forschung und Lehre haben ihn dahin geführt, sich über die angewandte Methode Gedanken zu machen und damit unweigerlich zu einer kritischen Reflexion über die Sozialwissenschaften, deren Tech- niken und Ergebnisse er benützte, und damit letztlich zur Erkenntnistheorie. Nicht aus reiner Liebe zur Kunst, nicht aus bloßer Lust am Denken, an der Spekulation über die schöpferische Spekulation, sondern weil er besser verstehen wollte, was er selbst und was die anderen tun, mit dem Ziel, danach besser for- schen und jungen Forschern dabei helfen zu können, leichter am kollektiven Forschungswerk der For- schung mitzuwirken.

 

Alfred Grosser: Politik erklären. Unter welchen Voraussetzungen? Mit welchen Mitteln? Zu welchen Ergebnissen? München (Hanser) 1973. S.13

 

 

1975

 

Wer und was ist nun soeben „preisgekrönt“ worden? Es muss betont werden, dass ich als Stellvertreter dastehe. Stellvertretend für all jene Franzosen, die nach 1945 Deutschland und den Deut- schen gegenüber die warme und tatkräftige Vernunft haben walten lassen und somit ihre Landsleute posi- tiv beeinflusst haben. Für die unter ihnen, die sich durch Wort und Schrift eingesetzt haben, und noch mehr für die Unbekannten, die eine mühselige, zeit– und vor allem freizeitraubende Kleinarbeit vollbracht haben und noch vollbringen.

Aber nicht nur als Stellvertreter. Ich darf annehmen, daß durch die Preisverleihung ein besonderer Aspekt der Mittlerfunktion, die ich versuche auszuüben, besonders gutgeheißen wird. Nämlich mein ständiger Versuch, meine ständige Versuchung, auf die Entwicklung der Bundesrepublik etwas Einfluß auszuüben, indem ich die deutschen Verhältnisse für deutsche Leser und Hörer so darstelle, wie ich sie als wohlwol- lend besorgter Außenstehender sehe.

Ich betrachte den Preis als eine Ermutigung, mich auch weiterhin in der Bundesrepublik dem Vorwurf auszusetzen, ich mische mich in fremde Angelegenheiten ein. Was heißt da übrigens fremd? Es war doch gerade, weil wir uns für die deutsche Zukunft mitverantwortlich fühlten, daß wir die Zusammenarbeit be- gannen und die gegenseitige Beeinflussung guthießen.

 

Alfred Grosser: Die Bundesrepublik, der internationale und der innere Friede. In: Alfred Grosser. Ansprachen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises. Bibliographie des Preisträgers. Frankfurt am Main (Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.) 21975. S. 37f.

 

 

 

1980

 

 

Liebe Neusser Gymnasiasten! Es antwortet Euch ein glücklicher Mensch, der Euch in ein paar wenigen Sätzen andeuten möchte, wie das so mit der Freude am Leben gekommen ist.

Meine erste „Erfahrung“ war, als kleiner Judensohn in einer Frankfurter Schule von achtjährigen Kamera- den so verprügelt zu werden, daß ich ins Krankenhaus mußte. Geistige Spuren sind nicht geblieben - außer der Überzeugung, man muß Verführte aufklären, denn die Schuldigen sind die Verführer. Mit 9 kam ich nach Frankreich und habe mich schnell eingelebt, habe aber dabei nie den Kontakt zur deutschen Sprache und Kultur verloren: Man soll offen sein für jeden geistigen Reichtum, auch wenn im Namen ei- nes Volkes Massenmorde vollbracht werden.

Die grausamen Seiten der Kriegszeit haben mich zweierlei gelehrt. Als ich erfuhr, daß ein Teil meiner Familie in Auschwitz umgekommen war, entdeckte ich, daß ich nie eine Menschengruppe (die Deutschen) für kollektivschuldig halten würde, daß ich aber nach dem Krieg für den Aufbau eines anderen Deutsch- lands mitverantwortlich sein würde, eben weil ich unter dem verbrecherischen gelitten hatte. Und das Gefühl der Mitverantwortlichkeit, das zum Mitwirken führt, ist beglückend.

Und dann habe ich in Marseille, nach einem Bombenangriff, so viele Leichen und verkrüppelte Menschen gesehen, daß ich seitdem alle Dinge im Vergleich zum Tod und zum Elend sehe. Das Glücklichsein er- reicht man auch durch den Vergleich (oft mit schlechtem Gewissen!) mit denen, die weniger haben.

Sich eifersüchtig mit denen zu vergleichen, die mehr haben, macht unglücklich. Übrigens: Neid wie Haß, wie Bitterkeit bedeuten Zeitverlust. Denn es bleibt uns wenig Zeit bis zum Tode - und diese Zeit sollten wir nicht mit unnützen Dingen vergeuden!

In späteren Jahren habe ich dann viel äußeres Glück gehabt - im Berufsleben und im Privatleben. Meine Mutter war zugleich meine Mitarbeiterin in der deutsch-französischen Arbeit bis zu ihrem Tod 1968. Ich habe 1959 eine meiner Doktorandinnen geheiratet (die Dissertation ist nie fertig geworden ...), und unser Honigmond ist noch nicht beendet. Unsere vier Söhne (19, 16, 11 und 10 Jahre) bringen Freude und Sor- gen (je älter sie werden, desto mehr Sorgen ...), aber das Grundelement der Freude ist bis jetzt geblieben,

weil der gegenseitige Respekt zusammen mit der Liebe geblieben ist. (Übrigens, was ist Liebe? U.a. daß man sich darauf freut, später zusammen alt werden zu dürfen!)

Ich bin mir meiner Privilegien wohl bewußt: Ich stamme aus einer privilegierten Familie, die Kultur und Selbstsicherheit zu vermitteln hatte. Ich habe einen schönen Beruf - und bin dabei sogar Beamter, d.h. daß ich nicht arbeitslos werden kann. Ich bin gesund, und Frau und Söhne sind unversehrt. Aber es geht auch um eine Grundeinstellung (für die ich wenig kann: sie ist weitgehend angeboren; ich versuche aber doch, sie durch Selbstkontrolle aufrecht zu erhalten): Zufrieden sein, ohne sich zufriedenzugeben, so viel Freude wie möglich zu empfangen und zu geben ...

So, nun macht mit dieser Predigt, was ihr wollt ...

 

Herzliche Wünsche für‘s Abitur Alfred Grosser

 

Alfred Grosser: Mit Deutschen streiten. Aufforderungen zur Wachsamkeit. München (dtv) 1992. S.290f.

 

 

1980

 

Fragebogen zur Person

 

(erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 27.6.1980)

Was ist für Sie das größte Unglück?

Unklare Frage. Von mir bereits erlitten? Für andere? Von mir bereits erlitten: Trotz äußeren Anscheins keines, das sich nicht auch positiv ausgewirkt hätte.

Wo möchten Sie leben?

Da, wo ich eben lebe - wenn ich doch die Gabe hätte, an verschiedenen Orten gleichzeitig zu leben (vgl. die Kurzgeschichte von Marcel Aymé, Les Sabines).

Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?

Frau und Kinder, Musik und Obst.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Das Draufgängertum, die Frechheit, die Selbstzerstörung.

Ihre liebsten Romanhelden? Peter und Andreas in Krieg und Frieden; Luce in Jean Barois von Roger Martin du Gard, Bi- schof Myriel in Victor Hugos Les Misérables.

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

Kaiser Hadrian - wenn er wirklich so war wie ihn Marguerite Yourcenar sprechen läßt.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Wirklichkeit?

Die Frauen, die seit langen Jahren mit der sogenannten „Vierten Welt“ in den Slums um Paris leben und wirken.

Ihre Lieblingsheldinnen in der Dichtung? Bei Racine, Aricie in Mithridate, bei Giraudoux, Alkmene und Isabelle (Intermezzo).

Ihre Lieblingsmaler?

Monet, Goya.

Ihre Lieblingskomponisten?

Mozart, Schubert.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mann am meisten?

Zuverlässigkeit, menschliche Wärme.

Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einer Frau am meisten?

Dieselben.

Ihre Lieblingstugend?

Aufgeschlossenheit.

Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Zu einem Publikum sprechen.

Wer oder was hätten Sie sein mögen?

Weltveränderer.

Ihr Hauptcharakterzug?

Kontinuität.

Was schätzen Sie bei Ihren Freunden am meisten?

Daß sie ihr Leben auf einer ethischen Grundlage selbst gestalten. Daß die Achtung, die ich für sie habe, die Achtung, die sie mir erweisen, mir dazu hilft, Selbstachtung zu bewahren.

Ihr größter Fehler?

Einzelgängertum.

Ihr Traum vom Glück?

Warum von etwas träumen, das man so oft gehabt hat, hat und haben wird.

Was wäre für Sie das größte Unglück?

Der Tod meiner Frau oder eines unserer Söhne. Die geistige Verminderung durch Krankheit oder Alter.

Was möchten Sie sein?

Ein Mensch mit weniger kritischem Geist, das heißt mit mehr Gabe zum Schöpferischen.

Ihre Lieblingsfarbe?

Blau.

Ihre Lieblingsblume?

Rhododendronbüsche.

Ihr Lieblingsvogel?

Die Möwe.

Ihr Lieblingsschriftsteller?

Roger Martin du Gard.

Ihr Lieblingslyriker?

Heine.

Ihre Helden in der Wirklichkeit?

Pierre Mendès France, Pater Joseph Wreczinski (Vierte-Welt-Bewegung), Bonaparte 1801 - 1803.

Ihre Heldinnen in der Geschichte?

Jeanne d‘Arc, Marie Curie.

Ihre Lieblingsnamen?

Jean, Pierre, Marc, Paul - so heißen die Söhne.

Was verabscheuen Sie am meisten?

Die intellektuellen Moden, den Standesdünkel, das Untertanentum.

Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?

Bewußte Mitläufer hohen Ranges zu allen Zeiten.

Welche militärischen Leistungen bewundern Sie am meisten?

Die deutschen und französischen Schützengraben-Soldaten vor Verdun.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Die Verkündigung der Grundrechte und Grundfreiheiten in Amerika und Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts.

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Geschicklichkeit zum Zeichnen und zum Handwerkern, musikalische Begabung.

Wie möchten Sie sterben?

Bewußt.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Ihr Motto?

Heiter.

1. Immer zufrieden sein, sich nie zufriedengeben. 2. Vernunft und Wärme.

 

 

zit.n. Alfred Grosser: Versuchte Beeinflussung. Zur Kritik und Ermunterung der Deutschen. Aufsätze und Ansprachen 1975 - 1980. München (dtv) 1983. S.291ff.

 

 

 

Die Texte wurden im Januar 2008 anlässlich eines Tages der Offenen Tür der Gemeinsamen Orientierungsstufe von Realschule und Gymnasium zusammengestellt. Die zitierten Werke gehören zum Bestand der Schulbibliothek im Alfred-Grosser-Schulzentrum.

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