1525 - heute

 
Die Gründung der Lateinschule in Bergzabern1

 

Das heutige Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum im südpfälzischen Bad Bergzabern geht zurück auf die Gründung einer Lateinschule im Jahr 1525. Bürgermeister und Ratsherren der Stadt hatten Martin Luthers Vorstellungen zur Schulreform2 aufgegriffen und Lehrer berufen, die das Evangelium „ohne allen Zusatz“ verkündigen sollten. Die Lateinschule bereitete die Schüler auf den Besuch der Landesschule (Gymnasium) in Hornbach vor, vermittelte aber auch denen eine weitergehende Bildung, die den Besuch des Gymnasiums nicht anstrebten. 

 

 

Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert

 

hist coverdale

Erste Lehrer in Bergzabern waren Peter Flimsbach, ein Verwandter Philipp Melanchthons, der Theologe Nikolaus Thomae sowie von 1543 bis 1547 und noch einmal von 1555 bis 1558 der englische Reformator Miles Coverdale, der 1535 in Straßburg die Bibel ins Englische übersetzt hatte und zwischenzeitlich Bischof von Exeter wurde. Von 1635 bis 1640 war die Schule aufgrund der Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges geschlossen: die Stadt hatte in diesen Jahren achtzig Prozent ihrer Einwohner verloren, der Lehrer war verhungert, der Pfarrer hatte seinem Leben selbst ein Ende gesetzt. Auch noch in den folgenden Jahrzehnten war der Bestand der Bergzaberner Lateinschule gefährdet; geringe Schülerzahlen und wechselnde, ungeeignete oder fehlende Lehrkräfte waren dafür verantwortlich. Erst mit Beginn des 18. Jahrhunderts besserte sich die Situation, weil jetzt vor allem künstlerisch und wissenschaftlich gebildete Lateinschullehrer („Präzeptoren“) hier unterrichteten. 

 

 

 

Französische Revolution

 

Ab 1793 wurde das Bergzaberner Schulwesen durch die Ereignisse der Französischen Revolution bestimmt, denn die 1792 gegründete Südpfälzer Republik wurde 1793 Teil der französischen Republik. Schule war nun Aufgabe des Staates, die Lehrer wechselten häufig. 1807, in napoleonischer Zeit, wurde die Bergzaberner Lateinschule geschlossen. 

 

 

Wiedereröffnung

 

 

hist weberDie von den Bergzaberner Bürgern immer wieder angemahnte und 1829 erfolgte Wieder-eröffnung der Lateinschule scheiterte schon nach zwei Jahren, da die Lehrinhalte nicht mehr zeitgemäß waren; dem Handel und Gewerbe treibenden Bürgertum fehlten die „Realien“ wie Geschichte, Geographie, Mathematik, Naturlehre.

Mitte der dreißiger Jahre strebte die Regierung in München – die Pfalz gehörte seit 1816 zu Bayern – deshalb eine Schulreform an, der sich die Bergzaberner Stadträte auf nachdrücklichen Wunsch der Bürgerschaft anschlossen. Im Mai 1836 begann der junge Historiker Dr. Georg Weber die Arbeit an der wieder eröffneten Lateinschule. Weber wurde 1808 in Bergzabern geboren und verfasste in seiner Heidelberger Zeit eine viel beachtete Weltgeschichte3

 

 

 

 

Die Revolution von 1848/49

 

 

In der Revolution von 1848/49 bekannten sich etliche Bergzaberner Lehrer zu deren Zielen und wurden deshalb durch die Schulbehörde gemaßregelt. So wurde nach der Amtsenthe- bung des Schulleiters die Schule bis zum Sommer 1849 offiziell geschlossen. Danach hatte sie wieder mit schwindenden Schülerzahlen zu kämpfen, weil nach der gescheiterten Revolution viele Pfälzer Familien ihre Heimat verließen und nach Amerika auswanderten.

 

 

Im Kaiserreich

 

Die bayrische Schulordnung von 1874 sah für Lateinschulen jetzt fünf statt vier Klassen vor. Neben der klassischen Bildung und der christlichen Erziehung wurde dritter Schwerpunkt der muttersprachliche Unterricht. Daneben wurden zeitweise die „Realien“ Geschichte und Geo- graphie unterrichtet sowie als Pflichtfach Turnen. Wahlfächer, die meist von den Volksschullehrern der Stadt unterrichtet wurden, waren Gesang, Schönschreiben und Zeichnen.

1894 wurde eine sechste Klasse eingerichtet, die Lateinschule somit zum Progymnasium er- hoben, ein Schritt, der nicht die erhoffte Wirkung hatte und deshalb auf Antrag des Stadtrates 1908 durch die Rückstufung zur fünfklassigen Lateinschule revidiert wurde.

 

 

Erster Weltkrieg und Weimarer Republik

 

Im ersten Weltkrieg war der Schulbetrieb aus naheliegenden Gründen eingeschränkt: Wehrertüchtigungsübungen für die Schüler, Abordnungen von Lehrkräften an andere Schulen oder ihre Einberufung zum Militärdienst, sachfremde Nutzung der Räumlichkeiten, z.B. der Schulturnhalle als Magazin und ähnliches bestimmten den Schulalltag.

Nach 1918 griff die französische Besatzungsmacht ins Schulleben ein. Französisch wurde zur ersten Pflichtfremdsprache, aus der Schulbücherei wurden Schriften mit nationalistischem oder militaristischem Inhalt entfernt, Übungen militärischer Art waren verboten. Lehrkräfte wurden bei Verfehlungen aus der linksrheinischen Pfalz ausgewiesen oder gar inhaftiert. Das bayrische Kultusministerium erlaubte seit 1920 Mädchen den Zugang zu höheren Schulen; 1924 wurde zum ersten Mal ein Mädchen in die Lateinschule Bergzabern aufgenommen, die höhere Töchterschule wurde 1930 geschlossen.

 

 

Nationalsozialistische Zeit

 

Bürgerschaft und Lehrkräfte waren vorwiegend national eingestellt und lehnten die Republik ab. Andersdenkende Lehrer passten sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten der neuen Ideologie und deren veränderten Erziehungszielen an, ein „unzuverlässiger“ Lehrer wurde entlassen.

1937 wurde im höheren Schulwesen des Deutschen Reichs die Einheitsschule eingeführt: die Oberschule für Jungen und die Oberschule für Mädchen. Die Schulzeit wurde um ein Jahr auf acht Jahre verkürzt. Wo es wie in Bergzabern nur e i n e höhere Schule am Ort gab, wurde Koedukation zugelassen. Der Anteil der Mädchen in der Oberschule betrug in Bergzabern etwa ein Drittel. Körperlich behinderte, „erbkranke“ und „artfremde“ Kinder und Jugendliche waren vom Besuch der höheren Schulen ausgeschlossen. Die letzte jüdische Schülerin musste 1938 die Oberschule verlassen.

 

 

Zweiter Weltkrieg

 

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde die „Rote Zone“, das Grenzgebiet zu Frankreich, vollständig evakuiert. Stadt und Landkreis Lichtenfels in der Oberpfalz nahmen die „rückge- führten“ Bergzaberner auf, die Lehrer der Lateinschule wurden zur Wehrmacht eingezogen oder anderen Schulen in Bayern zugewiesen. Der Schulleiter führte seine Dienstgeschäfte von Nürnberg aus. Nach dem Frankreichfeldzug kehrten die Pfälzer heim. Bis zur zweiten Evakuierung Ende 1944, als die Front sich vom Elsass her näherte, blieb die Lage der Bergzaberner Oberschule aber schwierig: nach der Rückkehr hatte man verwüstete Schulräume vorgefunden, Mobiliar und Unterrichtsmaterialien waren verschwunden, Lehrer fehlten, Arbeitseinsätze der Jugendlichen und Kriegseinsätze als Flakhelfer machten ein planmäßiges und kontinuierliches Unterrichten unmöglich. Überdies wurden Schüler aus dem bombardierten Ludwigshafen zusätzlich aufgenommen. Ende März 1945 wurde die Pfalz schließlich besetzt, am 28. Mai wurden alle Schulen in der französischen Besatzungszone geschlossen. Der Unterricht ruhte bis in den Herbst hinein.

 

 

Nach 1945

 

Am 17. Oktober 1945 wurde der Unterricht in den Schulen Bergzaberns wieder aufgenommen, an einen geregelten Schulbetrieb war aber lange noch nicht zu denken. In jeder Hin- sicht herrschte Mangel: Räume, Möbel, Bücher, Hefte, Brennstoff, Nahrung – alles fehlte, Improvisation war an der Tagesordnung, neben dem Schulleiter erteilten lediglich zwei Studenten den Unterricht. Literaturunterricht wurde aus den Beständen elterlicher Bücherschränke erteilt, kaputte Fensterscheiben wurden notdürftig mit Pappe repariert, bei extremer Kälte fiel der Unterricht aus. 

 

 

Vom Progymnasium zum Gymnasium

 

 

hist schule alt1950 wurde die höhere Schule Bergzaberns wieder zum Progymnasium mit sechs Klassen und zwei Zweigen: dem naturwissenschaftlichen und dem neusprachlichen. Schon früh gab es erste Überlegun- gen, das Progymnasium zum Gymnasium auszubauen. Erst ab 1961 wurde dieser Plan umgesetzt, allerdings mit der Einschränkung, dass es aufgrund der zu erwartenden geringen Schülerzahl nur einen neu- sprachlichen Zweig geben würde. 1962 fiel in Rheinland-Pfalz das bis dahin obligatorische Schulgeld für die höheren Schulen weg. 1966 wurden zum ersten Mal in Bad Bergzabern, wie die Kurstadt seit 1964 hieß, Abiturienten entlassen. Mit der von der Kultusministerkonferenz 1972 beschlossenen Oberstufenreform entfiel die Beschränkung auf den neusprachlichen Schwerpunkt: 1974/75 wurde in Bad Bergzabern die Mainzer Studienstufe eingeführt, die Schülerinnen und Schüler setzten ab Klassenstufe 11 mit der Wahl dreier Leistungsfächer ihren individuellen Schwerpunkt. 

 

 

Das Schulzentrum entsteht

 

Ein zweiter Wunsch erfüllte sich mit dem Ausbau zum Gymnasium: die höhere Schule Bergzaberns erhielt ein eigenes Gebäude. Bis dahin war die Lateinschule immer in verschiedenen mehr oder weniger geeigneten Räumlichkeiten der Stadt untergebracht, zuletzt im Schloss unter einem Dach mit den beiden konfessionellen Volksschulen.

1964 wurde der Neubau am südlichen Rand der Stadt bezogen, ein Erweiterungsbau wurde schon 1969 fertig gestellt. Die Volksschulen verließen ebenfalls das Schloss und wurden in unmittelbarer Nachbarschaft des Gymnasiums in einem weiteren Neubau untergebracht; eine gemeinsame Aula, Turnhallen und Sportplätze entstanden, das Ganze wurde durch eine „schöne Schullandschaft“ zusammengebunden.

Ende der siebziger Jahre nahm ein weiterer Neubau die 1970 als Außenstelle von Annweiler gegründete Bergzaberner Realschule und die Hauptschule, die jetzt Mittelpunktschule war, auf. Die Grundschule blieb im Gebäude der ehemaligen Volksschulen. In rund anderthalb Jahrzehnten war so ein weitläufiges Schulzentrum entstanden. Von 2008 bis 2011 wurde das Gymnasium saniert, umgebaut und neu strukturiert.

 

Das Gymnasium in der Kooperativen Gesamtschule

 

 

hist schule neuGymnasium und Hauptschule, später auch die selbstständig gewordene Bad Bergzaberner Realschule bildeten ab 1974 eine Kooperative Gesamtschule mit einer gemeinsamen Orientierungsstufe des Gymnasiums und der Realschule, mit einem Lehreraustausch zwischen allen drei Schularten sowie mit schulart- und jahrgangsübergreifenden Arbeitsgemeinschaften einschließlich des Nachmittagsangebots „Arbeiten und Spielen“ in den Orientierungsstufen4. Die Kooperative Gesamtschule entwickelte sich zu einer offenen Ganztagsschule. Die drei kooperierenden Schulen blieben aber selbstständig.5 Einer der Schulleiter übernimmt turnusmäßig die Federführung in der Kooperation.

 

 

 

 

Das Schulprofil

 

Das heutige Profil des Gymnasiums wurde von den frühen siebziger Jahren an entwickelt durch die Einführung des Französischen als erster Fremdsprache und des bilingualen Unterrichts ab der 5. Klasse (1970) sowie des „AbiBac“ (1996, deutsch-französisches Abitur). In der gemeinsamen Orientierungsstufe sowie in den Klassen 7 und 8 gibt es seit 1992 Bläserklassen, an Stelle der Streicher-AG (1999) wird ab 2012 eine Streicherklasse eingerichtet. Schülerinnen und Schüler erlernen hier im Rahmen des regulären Musikunterrichts durch gemeinsames Musizieren ein Instrument. Die erlernten Fähigkeiten können ab Klasse 9 im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften vertieft werden.

Seit 2009 ist das Gymnasium Ausbildungsschule.

 

 

Die Namensgebung

 

 

hist grosserDie Namensgebung erfolgte durch einen am 13. Februar 2006 gefassten Beschluss des Kreistages Südliche Weinstraße. In einem Festakt am 18. Mai des gleichen Jahres wurde dem Schulzentrum der neue Name „Alfred-Grosser-Schulzentrum“ in Anwesenheit des Namensgebers verliehen. Der französische Politologe und Publizist Prof. Alfred Grosser, in Frankfurt/M. geboren und 1933 mit der Familie vor den Nazis nach Frankreich geflohen, wirkt seit Ende des Zweiten Weltkrieges als Mittler und Versöhner zwischen Deutschen und Franzosen. Die Laudatio hielt der Politologe Prof. Dr. Ulrich Sarcinelli von der Universität Koblenz-Landau.

 

 

 

 

 

 

 

Die Schulleiter im 19. Jahrhundert

  

1836 - 1838   Dr. Georg Weber (*1808 Bergzabern, +1888 Heidelberg)
1839 - 1851   Josef Krieger (*1809 ?)
1851 - 1856   Dr. Johann Wilhelm Döderlein (*1825 Erlangen, +1881 Bayreuth)
1856 - 1866   Georg Ludwig Friedrich Daniel Theodor Weber (*1811 Dornhausen, +1866 Bad Bergzabern)
1866 - 1872   Konrad Philipp Karl Wollner    
1873 - 1876    Georg Osthelder
1876 - 1904    Magnus Endraß (*1834 ?)    

 

Die Schulleiter bis 1945

 

1904 - 1908    Heinrich Sponsel
1908 - 1926     Martin Matz (*1864 Berghausen)
1926     (komm.) Dr. Benedikt Kößler (*1886 Gersdorf)
1926 - 1934     Dr. Siegfried Kriegbaum (*1883 Schwörsheim)
1934 - 1938     Dr. Dr. Julius Andreae (*1898, +1972 Heidenheim/Mfr)    
1938    (komm.) Dr. Oskar Pöhlmann (*1897 Nürnberg)
1939 - 1941     Dr. Friedrich Helmreich (*1902 Nürnberg, +1956 Coburg)    
1941 - 1943     (komm.) Dr. Josef Korn (*1909 Aschaffenburg)
1943 - 1944     (komm.) Hermann Lemp (*1912 Järkendorf)    

 

Die Schulleiter nach 1945

 

1945 - 1949
   Thomas Zwick (*1889 Waldfischbach, +1978 Ludwigshafen)    
1949 - 1954    Friedrich Lafferé (*1892 Obermoschel, +1954 Bergzabern)    
1954 - 1971    Kurt Jung (*1907 Potzbach, +1994 Bad Bergzabern)
1971 - 1988    Dr. Klaus Hörner (*1928 Neustadt/W.)    
1988 - 2001    Dr. Herwig Blum (*1940 Hermannstein, +2011 Berlin)    
2002 - 2010    Hans-Joachim Lillig (*1953 Pirmasens)
2011 - 2015    Philipp Gerlach (*1966 Bremen)    

 

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1 Diesem Abriss liegt die Monografie von Günther Volz über Die höhere Schule der Stadt Bad Bergzabern von 1525 bis 2010 zugrunde. (s. Literaturverzeichnis)

2 in seiner Schrift „An die Burgmeyster und Radherren allerley Stedte ynn deutschen Landen“ (1524).
3 von 1839 bis 1872 war Georg Weber Lehrer und Direktor an der Höheren Bürgerschule in Heidelberg. 

4 2008 beschloss Rheinland-Pfalz eine Schulstrukturreform. Die Hauptschule und damit auch deren Orientierungsstufe wurden aufgelöst und die neue Form der Realschule plus gebildet. Seitdem gibt es nur noch die gemeinsame Orientierungsstufe von Realschule plus und Gymnasium.

5 zur Entstehung der Kooperativen Gesamtschule s. Schule im Wandel (1981) und Festschrift zur Namensgebung (2006) 

 

 

 

Literatur

  • Volz, Günther: Die höhere Schule der Stadt Bad Bergzabern von 1525 bis 2010. Karlsruhe (Braun Buchverlag) 2011
  • Schule im Wandel. Ein Beitrag zur Entwicklung des Schulwesens in einer ländlichen Region. Bad Bergzabern 1981
  • Festschrift zur Namensgebung des Alfred-Grosser-Schulzentrums in Bad Bergzabern am 18. Mai 2006. Bad Bergzabern 2006 

 

Diese kurze Chronik unserer Schule finden Sie auch hier als pdf zum Download. 

 

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