Buchkritik der Kl 13

"Die Hauptstadt" von Robert Menasse

Fakten oder Fakes: Robert Menasse: Die Hauptstadt

Im Januar 2019 steht Robert Menasses Siegerbuch für den „Deutschen Buchpreis“ in der Diskussion, weil er hier Fakes als Fakten ausgegeben hat, indem er behauptet hat, Walter Hallstein habe in Auschwitz 1958 eine Rede gehalten, die als Vorbereitung für ein Europa über den Nationen wirkte. Ist erlaubt, dass ein Schriftsteller im Roman Fiktion als Faktum ausgibt? Ist es nur dann problematisch, wenn diese Fiktion auch im journalistischen Tagesgeschäft nicht überprüft wird?

Lange bevor die Diskussion aufkam, ob man Menasse überhaupt noch die rheinland-pfälzische Zuckmayer-Medaille überreichen dürfe, hat sich der Grundkurs Deutsch 13 mit diesem aktuellen Werk zum Thema Europa auseinandergesetzt und selbst Stellung genommen in Rezensionen. Zwei gegensätzliche Stellungnahmen finden sich anonymisiert im Folgenden:




Europa in der Schule: Warnung vor einem Buchpreis-Sieger oder Lektüretipp für die Weihnachtsferien?

Im Grundkurs 13 bei Frau Kliewer haben wir einen aktuellen Roman gelesen und rezensiert. Im Oktober 2018 kam mit "Die Hauptstadt" von Robert Menasse das Preisträgerbuch für den "Deutschen Buchpreis" aus dem Jahr 2017 als Taschenbuch heraus. Die Ergebnisse der Beurteilungen im Kurs fielen sehr unterschiedlich aus. Hier finden sich zwei anonyme und völlig konträre Buchkritiken:

Bloß nicht!

Wir haben uns als Grundkurs Deutsch gemeinsam dafür entschieden, anstelle von älterer Literatur wie z.B. Büchern von Goethe "Die Hauptstadt" von Robert Menasse zu lesen. Das stellte sich jedoch als weniger positive Entscheidung heraus. Der Roman handelt von der Protagonistin Fenia Xenopoulou, die zur Direktorin in der Europäischen Kommission für Kultur befördert wird. Deshalb will sie den 60. Jahrestag der Gründung der Kommission besonders feiern. Generell gibt es viele verschiedene Charaktere, die durch die EU verbunden werden, aber alle unterschiedliche Ziele haben. Martin Susmann will bei der Feier zum Beispiel Auschwitz in den Mittelpunkt stellen, indem er einen Auschwitz-Überlebenden sucht, um diesen zu seinen Erlebnissen zu befragen. Professor Erhart aber will Auschwitz gar zur neuen Hauptstadt der EU machen.

Menasse verwendet in seinem Roman eine verständliche Sprache. Dadurch wird es aber nicht einfacher, denn das, was den Roman so kompliziert macht, ist nicht die Sprache, sondern der Inhalt. Menasse erwähnt viel zu viele Personen, die keinen Zusammenhang haben und durch den ständigen Perspektivenwechsel hat man als Leser keine Chance, in den Roman hineinzufinden, denn dann, wenn man gerade dabei ist, eine Person genauer kennenzulernen, springt der Autor schon wieder zur nächsten. Außerdem bietet der Roman keinen Unterhaltungsfaktor, da es immer nur um die EU-Bürokratie in Brüssel geht, die zudem noch überspitzt dargestellt wird. Denn die Beamten werden nur als Einzelkämpfer dargestellt, wie z.B. Fenia, die nur an sich und an ihre Beförderung denkt. Dadurch stellt Menasse auch die Realität negativ dar.

Sein schlechter Humor über Auschwitz trägt auch dazu bei, dass der Roman den Leser nicht unterhält. Außerdem könnte man ihn fast als Sachbuch über die EU bezeichnen, da diese der Hauptbestandteil der ganzen Geschichte ist. Zusätzlich bräuchte man wahrscheinlich mehr Vorwissen über das System der Politik in Brüssel, um den Inhalt besser nachvollziehen zu können.

Meiner Meinung nach hat es sich nicht gelohnt, die 459 Seiten des Romans zu lesen und dafür 12 Euro auszugeben, da es weder spannend noch interessant war. Das einzig Interessante an dem Buh war der Kriminalfall von Emile Brunfaut, aber selbst das ändert meine Meinung nicht und frage mich immer noch, wie dieses Buch den Deutschen Buchpreis gewinnen konnte.

Menasse, Robert: Die Hauptstadt. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2018, 459 Seiten, 12 €

(NN)

Robert Menasse schafft es ganz Europa in einem Roman zu komprimieren

Der Kauf von Robert Menasses Roman "Die Hauptstadt" (2017) ist nicht lohnenswert, wenn man mit der Erwartung eines spannenden Romans, etwa für die Ferien zu kaufen, die Buchhandlung betritt. Viel eher dient die Lektüre der politischen Weiterbildung, verpackt in eine (Kriminal-) Geschichte. Menasse schafft es, auf ironische Art und Weise das aktuelle Europa mit seinen elendlangen Bürokratiesitzungen und den halb-kompetenten Beamten auf die Schippe zu nehmen, aber zugleich die europäische Grundidee nicht untergehen zu lassen.

Der Roman spielt hauptsächlich in Brüssel rund um den Alltag und die Abläufe der Abgeordneten und Kommissare und handelt in erster Linie von dem bizarren Versuch, das Image der unbedeutenden Kulturkommissionsabteilung aufzupolieren. Dabei stellt er die menschliche Seite und die Machtkämpfe unter den Beamten dar. Eine Feier in Auschwitz soll das Zeichen für überwundene Grenzen darstellen und daran erinnern, dass die EU aus den Schrecken des Dritten Reiches entstanden war. Sinnbildlich für die heutige EU wird dieser Vorschlag nach allen Mühen am Ende dann doch relativ humorlos von den Spitzenbeamten des Europäischen Rates aufgrund eigener Nationalinteressen zunichte gemacht. Daneben gibt es noch einen immer dementer werdenden Holocaustüberlebenden, der eigentlich als Stargast der geplanten Jubiläumsfeier eingeplant war, und zwei Brüder, der eine Fleischindustrie-Lobbyist, der andere EU-Beamter, auch in der Kulturabteilung. Sehr kunstvoll wurde das Ganze in einen Krimi eingebettet, angefangen von einem Auftragsmord und der Flucht des Mörders durch ganz Europa bis zu einem Kommissar, der aus politischen Gründen, auf Befehl von oberster Stelle, diesen Mord auf sich beruhen lassen muss. Als verbindendes Element benutzt Menasse seine Universalmetapher des Schweins, das ja für alles stehen kann – "von der Drecksau bis zum Glücksschwein", wie er selbst mal sagte.

Dabei erscheinen die verschiedenen Handlungsstränge der verschiedenen Figuren mit wenig bis kaum Verbindungen (zumindest auf den ersten Blick") doch sehr verworren. Eine Parabel für die Strukturen der aktuellen EU-Politik?

Nun könnte man denken, des handle sich um eine Satire auf Kosten der EU, geschrieben von einem Gegner dieses Systems. Informiert man sich aber genauer über Menasse, so erfährt man von einem glühenden Befürworter der gemeinschaftlichen, europäischen Grundidee. Um ihn und damit auch den Roman zu verstehen, muss man differenzieren, was er kritisiert. Seine Kritik geht keineswegs gegen die EU an sich, sondern gegen das, was daraus geworden ist. Er bemängelt die nationalistisch denkenden Beamten, welche der EU schaden. Menasse fordert indirekt (über den Roman) ein Umdenken, weg von eigenen Interessen, hin zu einem staatsunabhängigen, europäischen Zugehörigkeitsgefühl. Als Idee hierfür entwickelt er im Roman mit Hilfe einer seiner Figuren die Idee einer neuen europäischen Hauptstadt in Auschwitz. Natürlich etwas überspannt, aber im Grunde entspricht diese Vorstellung seiner Idee einer starken europäischen Gemeinschaft auf Grundlage der Geschichte Europas.

Robert Menasse schreibt sehr elegant, insbesondere im Hinblick auf die Verschachtelung der verschiedenen Personen und der Message zwischen den Zeilen, der politischen Aussage. Ist das also kein Roman, sondern ein Manifest? Ich denke nicht, da im Vordergrund immer noch eine fiktive Geschichte steht. Jedoch ist auch von der Hand zu weisen, was er meint. Das Werk ist in der Tat kein Text, der nur zur Unterhaltung dient, sondern eine höchst interessante Mischung aus Fiktion und realer Recherche, denn immerhin hat sich Menasse für den Roman auf den Weg nach Brüssel gemacht und sich dort sogar eine Wohnung genommen. Gefallen haben mir besonders die treffenden, knackigen Formulierungen wie die zur Bedeutung des Kulturressorts: "Wenn die Kommissarin für Fischfang während einer Sitzung der Kommission auf die Toilette musste, wurde die Diskussion unterbrochen. […] Aber wenn die Kulturkommission rausmusste, wurde weiterverhandelt, ja es fiel gar nicht auf, ob sie am Verhandlungstisch oder auf der Toilette saß."

Aber auch die relativ einfache Sprache, ohne Fachjargon und lange Sätze ist einleuchtend. Jeder kann und sollte das Buch lesen und sich dabei und vor allem danach, seine eigenen Gedanken um die aktuelle Situation des Konflikts zwischen nationalstaatlichen Interessen und groß-europäischen Lösungen machen. Dieser Punkt hat mich am meisten begeistert: Es handelt sich nicht um einen "normalen Roman", bei dem man wissen will, wie es weitergeht, sondern während des Lesens wird man ständig angeregt, sich Gedanken über brandaktuelle Themen zu machen. Noch nie zuvor ist mir ein solches Buch in die Hände gekommen. Ich finde es beeindruckend, wie Menasse es schafft, die EU mit all ihren Problemen und Interessenkonflikten in einen Roman zu gießen. Ihm gelingt der Spagat zwischen den Nationen, Zeiten und Menschen. Aufgrund der aktuellen Relevanz der europäischen Frage empfehle ich den Roman insbesondere den jungen Lesern, die mit der EU aufgewachsen sind und die nicht wissen, was wir an ihr haben. Um die komplexe Maschinerie der EU zu verstehen, unter der Beachtung, dass es sich immer noch um einen Roman handelt, der zum eigenen Denken anregt und um ein erklärendes Sachbuch.

(NN)



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